Kann ein Unternehmen ohne Führungskräfte funktionieren? Wenn man vom aktuellen Artikel auf cio.de nur die Überschrift liest, könnte man denken, dass dies bei der Deutsche Bahn IT nun Wirklichkeit wird. Allerdings relativiert das erste Zitat von Christa Koenen diesen Sachverhalt: „Wir schaffen die klassischen Führungskräfte ab“, sagt sie. Was heißt das im Hinblick auf Führung im Unternehmen?

Aber der  Reihe nach: Jede Organisation, jedes System benötigt Führung. Strategien und Ziele entwickeln, Orientierung geben, Entscheidungen treffen, Koordination gewährleisten, Arbeitsabläufe organisieren, Abläufen und Fähigkeiten weiterentwickeln – all das sind Führungsaufgaben, die klar auf der Hand liegen. In agilen Modellen gibt es durch Product Owner, Scrum Master und Umsetzungsteams bereits drei Kern-Rollen, in denen diese Verantwortungen beschrieben werden und die im Zusammenspiel gut funktionieren.

Warum halten dennoch viele Unternehmen trotz all der agilen Modelle an „klassischen“ disziplinarischen Führungskräften fest? Egal, ob sie sich Chapter-Leads – viele Grüße an Spotify 😉 – Competence Center Leiter oder anders nennen, viele Organisationen stellen ihre Aufbauorganisation „neben“ die Lieferorganisation und definieren damit eine fachliche und eine disziplinarische Führungsstruktur. Das bedeutet, die Mitarbeiter arbeiten in agilen Teams und werden von anderen Personen disziplinarisch geführt – klingt irgendwie nach Matrix. Und damit bleibt meines Erachtens in solchen Organisationen eine Art „klassischer“ Führungskräfte weiterhin erhalten.

Führung neu definieren

Wenn man sich nun die Rollenbeschreibung agiler Modelle anschaut, dann bleiben hier einige formale Führungsaufgaben offen. Aufgaben, die zum Beispiel auf gesetzliche Anforderungen zurückzuführen sind und im Unternehmen klar geregelt werden müssen. Wer ist für Arbeits- und Gesundheitsschutz verantwortlich und stellt die notwendigen Unterweisungen sicher? Wer bestimmt die Verteilung von zusätzlichen Zahlungen an die Mitarbeiter? Wer stellt ein 4-Augen-Prinzip zur Einhaltung von Compliance-Vorgaben sicher? Durch wen werden Budgets verantwortet? Wer entscheidet über Einstellungen, Versetzungen oder Entlassungen? Und das sind nur einige Beispiele.

Um klassische Führungskräfte abzuschaffen, muss man also alle erforderlichen Führungsaufgaben auf die agilen Rollen verteilen. Das könnte (vereinfacht gesagt) folgendermaßen aussehen:

  • Der Product Owner übernimmt zusätzlich alle Verantwortungen, die beispielsweise rund um das Thema Finanzen anfallen.
  • Der Scrum Master wird umfassender definiert und heißt Agility Master. In seiner Rolle verantwortet er alle Aufgaben, die rund um das Thema Personal und Arbeitsschutz anfallen.
  • Das Umsetzungsteam übernimmt gemeinschaftlich die Verantwortung für die Planung und Umsetzung fachlicher Aufgaben sowie die Sicherstellung der Qualität. Außerdem werden hier alle individuellen Belange, wie Veränderung der Arbeitszeit oder Urlaub, miteinander abgestimmt.

Mit einem solchen Ansatz werden Führungskräfte nicht abgeschafft. Ganz im Gegenteil – hiermit übernimmt jeder Mitarbeiter im Unternehmen einen Anteil der Führungsarbeit. Führung wird neu definiert.

Die Einführung eines solchen Modells funktioniert natürlich nicht im Sinne einer Reorganisationsmaßnahme und keineswegs über Nacht. Eine solche Veränderung ist für das gesamte Unternehmen und für jeden Mitarbeiter ein intensiver Lernprozess. Und das erfordert ZEIT. Aber noch wichtiger – eine solche Veränderung erfordert vom Management vor allem eines: MUT!

Ich begleite seit mehreren Jahren Teams und Unternehmen auf ihrem Weg ins agile Arbeiten und bin dabei vielfach auf die oben beschriebene Matrix-Situation gestoßen. Dennoch bin ich mittlerweile davon überzeugt – ein Unternehmen ohne klassische Führungskräfte kann funktionieren!